Ein Märchen über die Wallach Brüder
Märchen können fröhlich oder traurig sein. Unsere wahre Geschichte ist wie ein trauriges Märchen, geht aber zum Glück gut aus. Auch solche Märchen gibt es!
(english version below)
Im blühenden Frühling des Jahres 1895 verließen zwei junge jüdische Brüder namens Wallach ihre westfälische Heimat und gingen, wie es sich für einen Märchenhelden gehört, auf der Suche nach dem Glück ins nahe gelegene Bayern. Der älteste der Brüder hieß Julius und war damals 21 Jahre alt, der jüngste - Moritz - hat das Alter von 17 Jahren noch nicht erreicht.
Warum sie sich von der bescheidenen Kleidung der bayerischen Bäuerinnen und Bauern angezogen fühlten, ist heute schwer zu sagen. Aber irgendetwas fesselte sie und sie begannen auf die Märkte der kleinen und großen Städte zu gehen. Sie kauften verschiedene Arten von Hemden und Röcken, Sommerkleidern und Schürzen, Hosen und Hemden.
Gleichzeitig lernten sie die bayerische Sprache, damit sie die gleiche Sprache sprechen wie die zukünftigen Käufer ihrer Ware!
Angeheuerte Schneider wählten das Beste aus den Volkstrachten aus, experimentierten mit Stoffen. Im Jahr 1900 eröffneten die Brüder das "Volkskunsthaus Wallach" in München. Die gewöhnliche Tracht wurde salonfähig und auf dem Bekleidungsmarkt tauchten zum ersten Mal einfache Schnitte aus hochwertigen Stoffen in leuchtenden Farben auf.
1910 wurden die Gebrüder Wallach damit betraut, einen festlichen Zug durch die Straßen der bayerischen Hauptstadt zu gestalten, der den Beginn des Oktoberfestes markierte. Sie haben diese ehrenvolle Aufgabe erfolgreich gemeistert. Danach wurden sie die offiziellen Lieferanten des bayerischen Königshofes - die "königlich bayerischen Hoflieferanten". Und als das berühmte Grimmsche Märchen vom armen Aschenputtel auf deutschen Bühnen aufgeführt wurde, trug auch die Hauptheldin ein Gewand der Wallachs.
Aber was ist ein Märchen ohne einen Ball? Und auch in unserer Geschichte gab es einen Ball. Es geschah im Jahr 1913, als eine der bayerischen Königinnen auf einem Ball in Paris in einem "Kleid von Wallach" erschien und alle wollten sofort ihrem Beispiel folgen.
Industriemagnaten und berühmte Regisseure, renommierte Künstler und Königshäuser kauften solche Kleider für ihre Frauen und Bräute.
Das Jahr 1930 kann als Höhepunkt des Erfolges und der Anerkennung des Schaffens der Brüder angesehen werden: Die Uraufführung der Oper „Im weißen Rössl" war ein durchschlagender Erfolg, und mit ihr alle Wallach-Kostüme, in denen die Künstler auftraten. Fünf Jahre später trugen auch Mädchen, die dem Bund Deutscher Mädel - dem weiblichen Pendant zur Hitlerjugend - beigetreten waren, solche Kleider und Röcke.
Solche Kleidung trug auch die Ehefrau von Otto Witte, dem Geschäftsführer der Bayerischen Landesleitung der Kammer der Bildenden Künste. Gemeinsam besuchten sie häufig die Boutique "Volkskunsthaus Wallach" in der Ludwigstraße 7. Sie kauften dort modische bayerische Kleidung.
Doch eines Sommertages, im Jahr 1937, kam Otto Witte mit einer anderen Frau dorthin. Es war Gerdi Troost, die Witwe des Architekten Paul Ludwig Troost, eines Günstlings von Adolf Hitler. Sowohl Otto Witte als auch Gerdi Troost trugen Uniformen von Nazi-Funktionären mit roten Armbinden am Ärmel.
Nur Moritz war zu dem Zeitpunkt in dem Laden. Er war vor dem Besuch dieser Personen und dem Zweck ihres Besuchs gewarnt worden, und er war auf alles gefasst.
"Ihre Familie, Herr Wallach, war bis vor kurzem der Träger der bayerischen Kultur", begann Otto Witte feierlich seine vorbereitete Rede. "Nicht nur ganz Bayern, sondern ganz Deutschland trägt die Kleider, die Sie sich ausgedacht haben. Aber Sie sind ein Jude und das ist das Problem. Ein Jude im modernen Deutschland kann kein Träger unserer Kultur sein. Deshalb muss Ihr Unternehmen von einem Arier geführt werden. Wir schlagen vor, dass Sie Ihr Unternehmen verkaufen."
Otto Witte gab Gerdi Troost ein Zeichen: Sie nahm ein Stück Papier heraus und zeigte es Moritz Wallach. Der Preis für das Geschäft stand auf dem Zettel. Die Nazis boten den Brüdern Wallach an, die Firma für einen Spottpreis zu verkaufen.
Mit einem Blick auf dieses Stück Papier fragte Moritz:
"Habe ich eine Wahl?"
Otto Witte schüttelte verneinend den Kopf.
Die Brüder emigrierten ins Ausland, in die Vereinigten Staaten, während ihre Kleidung bei den Nazis noch immer durchschlagenden Erfolg hatte. Der Markenname wurde beibehalten, bis Moritz Wallach juristisch dagegen vorgegangen ist. Dies war der unglückliche Ausgang einer Geschichte, die so glücklich begonnen hatte und die wir ein Märchen nannten!
Diese schrecklichen Zeiten sind längst vorbei. 1949 gelingt es der Familie nach langem Ringen ihren Besitz zurückzuerhalten. Es wird ein Geschäftsführer beauftragt, der das Münchner Geschäft weiterleitet. Die Familie bleibt in den USA. Ende der 1990er Jahre wird die Firma an das Unternehmen Lodenfrey verkauft, welches sie bis 2004 unter der Marke Wallach weiter betreibt.
Die von zwei Juden verwandelten Trachten werden in Bayern immer noch getragen. Und so scheint es mir, dass die Seelen der Wallach-Brüder irgendwo in unserer Nähe sind und im blauen bayerischen Himmel fliegen, wie auf den Gemälden von Marc Chagall, menschliche Figuren, nur im Dirndl gekleidet.
(english version - translation by Jan-Bernd Meyer)
Fairy tales can be cheerful or sad. Our true story is like a sad fairy tale — but fortunately, it has a good ending. Such fairy tales exist too! In the blossoming spring of 1895, two young Jewish brothers named Wallach left their Westphalian homeland and, as befits fairy-tale heroes, set off for nearby Bavaria in search of happiness. The elder brother, Julius, was 21 at the time, and the younger — Moritz — had not yet reached the age of 17.
Why they felt drawn to the modest clothing of Bavarian farmers is hard to say today. But something captivated them, and they began visiting markets in towns large and small. They bought various types of shirts and skirts, summer dresses and aprons, trousers and blouses. At the same time, they learned the Bavarian language so they could speak the same language as the future buyers of their goods! Tailors they hired selected the finest elements of traditional dress and experimented with fabrics. In 1900, the brothers opened the Volkskunsthaus Wallach in Munich. Simple folk costumes became fashionable, and for the first time, straightforward cuts made from high-quality fabrics in vibrant colors appeared on the clothing market. In 1910, the Wallach brothers were entrusted with designing a festive procession through the streets of the Bavarian capital to mark the opening of the Oktoberfest. They mastered this honorable task with great success. Afterwards, they became the official suppliers to the Bavarian royal court — the “Royal Bavarian Purveyors to the Court.” And when the famous Grimm fairy tale Cinderella was performed on German stages, the heroine, too, wore a dress created by the Wallachs.
But what is a fairy tale without a ball? And our story also has a ball. It happened in 1913, when one of the Bavarian queens appeared at a Paris ball waring a "Wallach dress" - and immediately everyone wanted to follow her example.
Industrial magnates and famous directors, renowned artists and royal families bought such dresses for their wives and brides.
The year 1930 may be seen as the high point of the brothers’ success and recognition: the premiere of the operetta “Im weißen Rössl” was a resounding triumph — and with it, all the Wallach costumes worn by the performers. Five years later, however, the girls of the Bund Deutscher Mädel — the female counterpart to the Hitler Youth — were also wearing such dresses and skirts.
Such clothing was also worn by the wife of Otto Witte, the managing director of the Bavarian regional office of the Chamber of Fine Arts. The couple often visited the Volkskunsthaus Wallach boutique at Ludwigstraße 7, where they bought fashionable Bavarian clothing.
But one summer day in 1937, Otto Witte came there with another woman: Gerdi Troost, widow of architect Paul Ludwig Troost, a favorite of Adolf Hitler. Both Witte and Troost wore Nazi uniforms with red armbands.
Only Moritz was in the shop at the time. He had been warned of their visit and its purpose and was prepared for anything.
“Your family, Mr. Wallach, has until recently been a bearer of Bavarian culture,” Otto Witte began solemnly, delivering his prepared speech. “Not only all of Bavaria but all of Germany wears the clothes you have designed. But you are a Jew, and that is the problem. A Jew in modern Germany cannot be a bearer of our culture. Therefore your business must be led by an Aryan. We suggest that you sell your company.”
Witte gave a signal to Gerdi Troost. She pulled out a piece of paper and showed it to Moritz Wallach. The price of the business was written on it. The Nazis were offering the Wallach brothers a pittance.
Looking at the paper, Moritz asked:
"Do I have a choice?"
Otto Witte shook his head.
The brothers emigrated abroad, to the United States, while their clothing continued to enjoy great success among the Nazis. The brand name was kept until Moritz Wallach took legal action against it. This was the tragic ending of a story that had begun so happily — the story we called a fairy tale.
Those terrible times have long passed. In 1949, after great effort, the family succeeded in reclaiming their property. A managing director was appointed to continue running the Munich shop, while the family remained in the United States. At the end of the 1990s, the company was sold to Lodenfrey, which continued to operate it under the Wallach brand until 2004.





