Emmy Noether - Mutter der modernen Mathematik 

(english version below)


Es gibt drei Punkte auf der Landkarte, die im Leben von Emmy Noether eine wichtige Rolle gespielt haben: das Haus in der Hauptstraße in Erlangen, in dem sie geboren wurde; das Göttinger Institut, in dem ihre großen Entdeckungen in der Mathematik stattfanden und das Bryn Mawr College (USA), in dem sie ihre letzten Lebensjahre verbrachte.

Die Schule, auf die das Mädchen Emmy ging, war in der Nähe des Bahnhofs. Und das Schild „Erlangen" war eines der ersten, das sie lesen konnte. 


Ihre Eltern hielten das Mädchen nicht für besonders begabt. Ihr Schicksal als Lehrerin für Fremdsprachen an Volksschule schien besiegelt. Deshalb waren die Eltern mehr als erstaunt, dass Emmy als eine der ersten Frauen, die in Bayern studieren durften, ihr Studium der Mathematik an der Erlanger Universität abschloss, ihre Doktorarbeit verteidigte und von David Hilbert persönlich nach Göttingen eingeladen wurde. 


Das Jahr 1918 neigte sich dem Ende zu, und mit ihm der Erste Weltkrieg. In das Büro von David Hilbert, Dekan der mathematischen Fakultät der Universität Göttingen, brachte die Sekretärin die Post. Schnell ging Hilbert die Umschläge durch und verharrte bei einem Brief von Albert Einstein. Er öffnete ihn, las den Text und unterstrich mit blauem Bleistift einen Absatz: "Gestern erhielt ich einen sehr interessanten Artikel von Fräulein Noether über die Konstruktion von Invarianten. Ich bin beeindruckt, dass man solche Themen von einem so allgemeinen Standpunkt aus betrachten kann. Es würde der alten Garde in Göttingen nicht schaden, von Fräulein Noether Nachhilfe zu erhalten. Sie scheint ihr Handwerk gut zu verstehen."

Der berühmte Mathematiker läutete die Glocke.

„Bitten Sie Fräulein Noether, zu mir zu kommen“, sagte er zur Sekretärin. „Ihre Vorlesungen müssten zu Ende sein.“

Es verlangte David Hilbert einiges ab, damit Emmy Noether zur Verteidigung ihrer Doktorarbeit zugelassen wurde; denn Frauen durften dies zu jener Zeit nicht.

Damals äußerte er bei einer Sitzung des Akademischen Rates den Satz, dass die Fakultät - „keine Badeanstalt sei, wo Frauen und Männer getrennt werden sollten! Und jetzt, bei ihrer Nominierung für die Professorenstelle, sagen sie, dass dieser Platz für Kriegsheimkehrer reserviert ist!“ 

Es klopfte an der Tür.

„Ja, ja, treten Sie herein!“


Hilbert, der Emmy Noether sah, dachte wieder einmal, dass ihr Talent leider nicht im Einklang mit ihrem Aussehen stand: Emmy machte sich überhaupt keine Gedanken darüber, wie sie aussah, vor allem nicht im Unterricht oder bei wissenschaftlichen Debatten. Sie vergaß oft, ihre Haare zu frisieren oder das Kleid zu reinigen. Außerdem litt Emmy unter starker Kurzsichtigkeit, was dazu führte, dass sie eine hässliche Brille mit dicken Gläsern tragen musste. All dies machte sie in den Augen ihrer Kollegen weniger fraulich. Aber ihre Leistungen überwogen diese äußeren Unschönheiten.


„Herr Albert Einstein lobte Ihre neueste Arbeit, die in den "Annals of Mathematics" veröffentlicht wurde. Ich schließe mich seiner Meinung voll und ganz an und gratuliere Ihnen noch einmal zu dem hervorragenden Ergebnis.


“Damals konnte niemand ahnen, dass die braune Zeit des Nationalsozialismus einsetzen würde, dass Emmy Noether eine der ersten zehn jüdischen Professoren sein würde, die von ihrer Alma Mater entlassen werden würden, dass Göttingen seine Bedeutung als Weltmekka für Mathematiker in aller Welt verlieren würde, dass Emmy Noether aus den beiden Angeboten, die sie aus Großbritannien und den USA erhalten wird, letzteres wählen würde.


Schon zu Lebzeiten wurde Emmy Noether als die Mutter der modernen Algebra bezeichnet. Und zu ihrem Tod veröffentlichte Albert Einstein einen Nachruf in der New York Times, in dem er sagte: "Nach Meinung der kompetentesten lebenden Mathematiker war Frau Noether das herausragende kreative mathematische Genie... Auf dem Gebiet der Algebra, das seit Jahrhunderten von den begabtesten Mathematikern betrieben wird, entdeckte sie Methoden, die für die heutige junge Generation von Mathematikern von großer Bedeutung waren und sind ..."


(english version - translation by Jan-Bernd Meyer)


There are three places on the map that played a decisive role in Emmy Noether’s life: the house on Hauptstraße in Erlangen where she was born; the Göttingen Institute, where her great discoveries in mathematics took place; and Bryn Mawr College in the United States, where she spent her final years. The school Emmy attended was located near the railway station, and the sign reading “Erlangen” was one of the first words she learned to read.


Her parents did not consider her especially gifted. Her fate as a teacher of foreign languages at a primary school seemed all but predetermined. They were therefore all the more astonished when Emmy became one of the first women in Bavaria to be permitted to study, completed her mathematics degree at the University of Erlangen, defended her doctoral thesis, and was personally invited to Göttingen by David Hilbert.


The year 1918 was drawing to a close, along with the First World War. In the office of David Hilbert, Dean of the Faculty of Mathematics at the University of Göttingen, the secretary brought in the post. Hilbert quickly went through the envelopes and paused at a letter from Albert Einstein. He opened it, read the text, and underlined a passage in blue pencil: “Yesterday I received a very interesting paper by Miss Noether on the construction of invariants. I am impressed that such matters can be approached from so general a standpoint. It would do the old guard in Göttingen no harm to take lessons from Miss Noether. She seems to know her craft very well.”

The famous mathematician rang the bell.

“Please ask Miss Noether to come to see me,” he said to the secretary. “Her lectures should be over by now.” It required considerable effort on Hilbert’s part to secure Emmy Noether’s admission to the defence of her doctoral thesis, as women were not permitted to do so at the time.

At a meeting of the Academic Council, he famously remarked that the faculty was “not a public swimming pool, where men and women must be kept separate! And now, at the time of her nomination for a professorship, you claim that the post is reserved for returning soldiers!”

There was a knock at the door.

“Yes, yes, do come in!”


When Hilbert saw Emmy Noether, he once again thought that her talent was unfortunately not matched by her appearance. Emmy paid little attention to how she looked, especially in teaching or scientific debate. She often forgot to comb her hair or clean her dress. Moreover, she suffered from severe short-sightedness, which meant she had to wear unattractive glasses with thick lenses. All of this made her seem less feminine in the eyes of her colleagues. Yet her achievements far outweighed these external shortcomings.


“Albert Einstein has praised your most recent work, published in the Annals of Mathematics. I fully share his opinion and congratulate you once again on this outstanding result.”


At the time, no one could have foreseen the rise of National Socialism; that Emmy Noether would be among the first ten Jewish professors to be dismissed from their alma mater; that Göttingen would lose its status as the world centre of mathematics; or that, of the two offers she would later receive—from Great Britain and the United States—Emmy Noether would choose the latter.


Even during her lifetime, Emmy Noether was described as the mother of modern algebra. Upon her death, Albert Einstein published an obituary in the New York Times, stating: “According to the judgement of the most competent living mathematicians, Miss Noether was the most significant creative mathematical genius thus far produced since the higher education of women began. In the domain of algebra, in which the most gifted mathematicians have been at work for centuries, she discovered methods of immense importance for the development of the present generation of young mathematicians…”