Krakenberger Chatbot: fränkisches Erbe und künstliche Intelligenz
Autor: Ernst Hüttl

(English version below)
Bis 1933 sind Otto und Martha Krakenberger, Hopfenhändler in der dritten Generation, angesehene Mitglieder der gehobenen Nürnberger Gesellschaft. Doch der Antisemitismus treibt sie fort. Anfang 1939 verlassen sie Nürnberg und suchen Schutz in den Niederlanden.
Der Krieg holt die Krakenberger ein. Im Mai 1940 marschiert die Wehrmacht in die Niederlande ein – im Dezember kommt ihr Sohn Ernst in dem kleinen Ort Naarden bei Amsterdam zur Welt. Als die Verfolgung jüdischer Menschen immer erbarmungsloser wird, treffen die Eltern im Februar 1942 eine dramatische Entscheidung: Sie geben das Kleinkind in die Obhut der katholischen Familie Stockmann. Otto und Martha werden bald darauf durch mehrere Konzentrationslager verschleppt: Vught, Westerbork, Bergen-Belsen. Ernst aber bleibt verborgen, die siebzehnjährige Tochter Maja Stockmann gibt ihn als ihren unehelichen Sohn aus.
Kurz vor Kriegsende gelangen Otto und Martha als sogenannte Austauschjuden ins südwürttembergische Lager Lindele bei Biberach. Sie überleben. Im September 1945 stehen sie wieder vor der Tür der Stockmanns und holen ihr Kind zurück. Für den kleinen Ernst sind die Eltern zunächst Fremde.
Zwei Jahrzehnte später kehrt er bewusst nach Nürnberg zurück. 1966 übernimmt er den Hopfenhandel seines Vaters und knüpft an die Geschichte seiner Familie an. Nürnberg wird wieder sein Lebensmittelpunkt. Zu seinem 50. Geburtstag erhält er einen Brief von Maja Stockmann, der Frau, die ihn einst als ihren Sohn ausgegeben hat. Für Ernst ist er bis heute das wichtigste Dokument seiner Kindheit – ein Fenster in die eigenen Anfänge.
2010 werden die Stockmanns vom Staat Israel in Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern geehrt. Und Ernst? Erst im Ruhestand entscheidet er sich dazu, seine Geschichte zu erzählen. Er besucht Schulen, spricht mit jungen Menschen, warnt vor Rassismus und Antisemitismus. Damit niemand vergisst, was Menschen einander antun können – und was Menschen für einander tun können.
Das Projektteam LediZ (Lernen mit digitalen Zeugnissen) der Ludwig-Maximilians-Universität München entwickelte in Zusammenarbeit mit Ernst O. Krakenberger einen KI-gestützten Chatbot, der es möglich macht, sich über das Stellen von Fragen interaktiv und interessensgeleitet an seine Geschichte anzunähern.
[Link: https://www.edu.lediz.lmu.de/wordpress/ernst-otto-krakenberger/]
(english version - translation by Jan-Bernd Meyer)
Until 1933, Otto and Martha Krakenberger, third-generation hop merchants, were respected members of Nuremberg’s upper-class society. But antisemitism forced them to leave. In early 1939, they departed Nuremberg and sought refuge in the Netherlands.
The war soon caught up with the Krakenbergers. In May 1940, the Wehrmacht marched into the Netherlands—and in December, their son Ernst was born in the small town of Naarden near Amsterdam. As persecution of Jews intensified, the parents made a dramatic decision in February 1942: they entrusted their toddler to the Catholic Stockmann family. Otto and Martha were soon deported to multiple concentration camps: Vught, Westerbork, Bergen-Belsen. Ernst, however, remained hidden; seventeen-year-old Maja Stockmann presented him as her illegitimate son.
Shortly before the end of the war, Otto and Martha were sent as so-called “exchange Jews” to the Lindele camp in southern Württemberg near Biberach. They survived. In September 1945, they returned to the Stockmanns to reclaim their child. To little Ernst, his parents were initially strangers.
Two decades later, he consciously returned to Nuremberg. In 1966, he took over his father’s hop business, reconnecting with his family’s history. Nuremberg once again became his home. On his 50th birthday, he received a letter from Maja Stockmann, the woman who had once claimed him as her son. For Ernst, it remains the most important document of his childhood—a window into his early life.
In 2010, the Stockmanns were honored by the State of Israel at Yad Vashem as Righteous Among the Nations. And Ernst? Only in retirement did he decide to share his story. He visits schools, speaks to young people, and warns against racism and antisemitism—to ensure that no one forgets what humans can do to one another—and what they can do for one another.
The LediZ project team (Learning with Digital Testimonies) at Ludwig-Maximilians-University Munich developed, in collaboration with Ernst O. Krakenberger, an AI-powered chatbot. This tool allows users to interactively explore his story by asking questions and accessing his original testimonies related to those questions.
[Link: https://www.edu.lediz.lmu.de/wordpress/ernst-otto-krakenberger/]




