EINSTEIN, FREUD UND DIE FRAGE

„WARUM KRIEG?“

(english version below)


Nach dem ersten Weltkrieg wird Albert Einstein zusammen mit anderen berühmten Wissenschaftlern zur Mitarbeit im Völkerbundkomitee für intellektuelle Zusammenarbeit berufen. Durch die Anregung dieses Völkerbundes beschäftigt Einstein sich im Briefwechsel mit Siegmund Freud über die Frage: „Warum Krieg?“


ALBERT EINSTEIN

"Es gäbe genug Geld, genug Arbeit, genug zu essen, wenn wir die Reichtümer der Welt richtig verteilen würden, statt uns zu Sklaven starrer Wirtschaftsdoktrinen oder -traditionen zu machen. Vor allem aber dürfen wir nicht zulassen, dass unsere Gedanken und Bemühungen von konstruktiver Arbeit abgehalten und für die Vorbereitung eines neuen Krieges missbraucht werden.

Ich bin nicht nur Pazifist, ich bin militanter Pazifist. Ich will für den Frieden kämpfen. Nichts wird Kriege abschaffen, wenn nicht die Menschen selbst den Kriegsdienst verweigern. Ist es nicht besser, für eine Sache zu sterben, an die man glaubt, wie an den Frieden, als für eine Sache zu leiden, an die man nicht glaubt, wie an den Krieg? Es wird nicht möglich sein, die kriegerischen Instinkte in einer einzigen Generation auszurotten. Es wäre nicht einmal wünschenswert, sie gänzlich auszurotten. Die Menschen müssen weiterhin kämpfen, aber nur, wofür zu kämpfen lohnt.

Recht und Macht sind unzertrennlich verbunden, und die Sprüche eines Rechtsorgans nähern sich um so mehr dem Gerechtigkeitsideal der Gemeinschaft, in deren Namen und Interesse Recht gesprochen wird, je mehr Machtmittel diese Gemeinschaft aufbringen kann, um die Respektierung ihres Gerechtigkeitsideals zu erzwingen.


Das Machtbedürfnis der jeweils herrschenden Schicht eines Staates widersetzt sich einer Einschränkung der Hoheitsrechte desselben. Dieses politische Machtbedürfnis wird häufig genährt aus einem materiell-ökonomisch sich äußernden Machtstreben einer ändern Schicht. Ich denke hier vornehmlich an die innerhalb jedes Volkes vorhandene kleine, aber entschlossene, sozialen Erwägungen und Hemmungen unzugängliche Gruppe jener Menschen, denen Krieg, Waffenherstellung und -handel nichts als eine Gelegenheit sind, persönliche Vorteile zu ziehen, den persönlichen Machtbereich zu erweitern.


Die Minderheit der jeweils Herrschenden hat vor allem die Schule, die Presse und meistens auch die religiösen Organisationen in ihrer Hand. Durch diese Mittel beherrscht und leitet sie die Gefühle der großen Masse und macht diese zu ihrem willenlosen Werkzeug.

Im Menschen lebt ein Bedürfnis zu hassen und zu vernichten. Diese Anlage ist in gewöhnlichen Zeiten latent vorhanden und tritt dann nur beim Abnormalen zutage; sie kann aber leicht geweckt und zur Massenpsychose gesteigert werden.


Gibt es eine Möglichkeit, die psychische Entwicklung der Menschen so zu leiten, dass sie den Psychosen des Hasses und des Vernichtens gegenüber widerstandsfähiger werden?"


SIGMUND FREUD

„Interessenkonflikte unter den Menschen werden also prinzipiell durch die Anwendung von Gewalt entschieden. So ist es im ganzen Tierreich, von dem der Mensch sich nicht ausschließen sollte; für den Menschen kommen allerdings noch Meinungskonflikte hinzu, die bis zu den höchsten Höhen der Abstraktion reichen und eine andere Technik der Entscheidung zu fordern scheinen. 

Anfänglich, in einer kleinen Menschenhorde, entschied die stärkere Muskelkraft darüber, wem etwas gehören oder wessen Wille zur Ausführung gebracht werden sollte. Muskelkraft verstärkt und ersetzt sich bald durch den Gebrauch von Werkzeugen; es siegt, wer die besseren Waffen hat oder sie geschickter verwendet. Mit der Einführung der Waffe beginnt bereits die geistige Überlegenheit, die Stelle der rohen Muskelkraft einzunehmen. Die Endabsicht des Kampfes bleibt die nämliche, der eine Teil soll durch die Schädigung, die er erfährt, und durch die Lähmung seiner Kräfte gezwungen werden, seinen Anspruch oder Widerspruch aufzugeben. Dies wird am gründlichsten erreicht, wenn die Gewalt den Gegner dauernd beseitigt, also tötet. 

Der Tötungsabsicht kann sich der Erwägung widersetzen, dass der Feind zu nützlichen Dienstleistungen verwendet werden kann, wenn man ihn eingeschüchtert am Leben lässt. Dann begnügt sich also die Gewalt damit, ihn zu unterwerfen, anstatt ihn zu töten.

Die Überwindung der Gewalt durch Übertragung der Macht an eine größere Einheit, die durch Gefühlsbindungen ihrer Mitglieder zusammengehalten wird. 


Die Verhältnisse sind einfach, solange die Gemeinschaft nur aus einer Anzahl gleichstarker Individuen besteht. Die Gesetze dieser Vereinigung bestimmen dann, auf welches Maß von persönlicher Freiheit, seine Kraft als Gewalt anzuwenden, der Einzelne verzichten muss, um ein gesichertes Zusammenleben zu ermöglichen. 


Aber ein solcher Ruhezustand ist nur theoretisch denkbar. In Wirklichkeit kompliziert sich der Sachverhalt dadurch, dass die Gemeinschaft von Anfang an ungleich mächtige Elemente umfasst, Männer und Frauen, Eltern und Kinder, und bald infolge von Krieg und Unterwerfung Siegreiche und Besiegte, die sich in Herren und Sklaven umsetzen.


So scheint es also, dass der Versuch, reale Macht durch die Macht der Ideen zu ersetzen, heute noch zum Fehlschlagen verurteilt ist.

Es ist ein Fehler in der Rechnung, wenn man nicht berücksichtigt, dass Recht ursprünglich rohe Gewalt war und noch heute der Stützung durch die Gewalt nicht entbehren kann. 


Sie verwundern sich darüber, dass es so leicht ist, die Menschen für den Krieg zu begeistern, und vermuten, dass etwas in ihnen wirksam ist, ein Trieb zum Hassen und Vernichten, der solcher Verhetzung entgegenkommt. 

Wir nehmen an, dass die Triebe des Menschen nur von zweierlei Art sind, entweder solche, die erhalten und vereinigen wollen - wir heißen sie erotische, ganz im Sinne des Eros im Symposion Platos, oder sexuelle mit bewusster Überdehnung des populären Begriffs von Sexualität - und andere, die zerstören und töten wollen.


Ich ziele auf etwas anderes hin. Ich glaube, der Hauptgrund, weshalb wir uns gegen den Krieg empören, ist, dass wir nicht anders können. Wir sind Pazifisten, weil wir es aus organischen Gründen sein müssen. Wir haben es dann leicht, unsere Einstellung durch Argumente zu rechtfertigen.“


(english version - translation by Jan-Bernd Meyer)


After World War I, Albert Einstein, along with other famous scientists, was appointed to serve on the League of Nations Committee for Intellectual Cooperation. Encouraged by this League of Nations, Einstein engaged in a correspondence with Sigmund Freud on the question: “Why war?”


“There would be enough money, enough work, and enough food if we were to distribute the world’s wealth properly, instead of making ourselves slaves to rigid economic doctrines or traditions. Above all, we must not allow our thoughts and efforts to be diverted from constructive work and misused for the preparation of yet another war.

I am not only a pacifist; I am a militant pacifist. I want to fight for peace. Nothing will abolish wars unless people themselves refuse military service. Is it not better to die for a cause one believes in, such as peace, than to suffer for a cause one does not believe in, such as war? It will not be possible to eradicate warlike instincts within a single generation. Nor would it even be desirable to eliminate them entirely. People must continue to fight—but only for causes that are worth fighting for.

Law and power are inseparably linked. The decisions of a legal authority approach the ideal of justice of the community in whose name and interest the law is applied only to the extent that this community is able to muster the means of power required to enforce respect for its ideal of justice.


The need for power on the part of a state’s ruling class resists any limitation of its sovereign rights. This political desire for power is often fuelled by the material and economic ambitions of another social group. I am thinking here primarily of the small but determined group present in every nation—impervious to social considerations and moral restraint—for whom war, the manufacture of weapons, and the arms trade are nothing more than opportunities for personal gain and the expansion of individual power.


The ruling minority above all controls the schools, the press, and, in most cases, religious organisations as well. Through these means, it dominates and directs the emotions of the masses and turns them into a docile instrument of its will.

Within human beings there exists a need to hate and to destroy. In ordinary times, this tendency remains latent and becomes apparent only in abnormal individuals; but it can easily be awakened and intensified into a mass psychosis.


Is there a way to guide the psychological development of humankind so that people become more resistant to the psychoses of hatred and destruction?”


SIGMUND FREUD

“Conflicts of interest between human beings are therefore, in principle, resolved through the use of violence. This is the case throughout the animal kingdom, from which humans should not exempt themselves. For humans, however, conflicts of opinion are added—conflicts that reach the highest levels of abstraction and seem to demand different techniques of resolution.

In the early days, within small human hordes, superior muscular strength determined ownership and whose will would prevail. Muscle power was soon reinforced and replaced by the use of tools; victory went to those who possessed better weapons or used them more skilfully. With the introduction of weapons, intellectual superiority already begins to take the place of brute strength. The ultimate aim of conflict remains the same: one party is to be compelled, through the harm inflicted and the paralysis of its forces, to abandon its claim or resistance. This is achieved most thoroughly when violence permanently eliminates the opponent—by killing them.

The intent to kill may be opposed by the consideration that the enemy could be used for useful services if kept alive and intimidated. In such cases, violence contents itself with subjugation rather than killing. The overcoming of violence is achieved through the transfer of power to a larger entity, held together by emotional bonds among its members.


Circumstances remain simple only so long as a community consists of individuals of equal strength. The laws of such an association determine the extent to which each individual must relinquish their personal freedom to use force, in order to enable a secure coexistence.


Such a state of equilibrium, however, exists only in theory. In reality, the situation becomes more complex because from the outset the community contains elements of unequal power: men and women, parents and children, and soon—through war and conquest—victors and vanquished, who are transformed into masters and slaves.


Thus it appears that the attempt to replace real power with the power of ideas is still doomed to failure today. It is a miscalculation not to recognise that law was originally brute force and still cannot do without the support of force today.


You are surprised at how easy it is to arouse people for war and suspect that something within them—a drive to hate and to destroy—responds to such incitement.

We assume that human instincts are of only two kinds: those that seek to preserve and unite—which we call erotic, in the sense of Eros in Plato’s Symposium, or sexual, in a consciously extended sense of the popular concept of sexuality—and those that seek to destroy and kill.


I am aiming at something else. I believe that the main reason we revolt against war is that we cannot do otherwise. We are pacifists because, for organic reasons, we must be so. It then becomes easy for us to justify our stance through arguments.”